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Beeinflusst von Malern, die sich mit der Dimension des Lichtes und den Gesetzen der Wahrnehmung auseinandersetzten, ist die visuelle Erfahrung von Licht, Raum und Farbe zentrales Thema meiner künstlerischen Arbeit.

Realistisches Malen nach der Natur oder Modellen geht für mich Hand in Hand mit abstrakten Experimenten, um die Wechselbeziehung von Farben untereinander und zwischen Farbe und Form zu untersuchen.​ Während ich in figurativen Motiven von Beobachtungen meiner Umwelt ausgehe, um Licht und Schatten als Farbe zu malen, handelt es sich bei den abstrakten Arbeiten um frei und spontan erfundene Kompositionen. Dabei werden Farbtöne so kombiniert, dass sie in der optischen Wahrnehmung eine eigene Dynamik entwickeln. Man könnte sagen, „Licht wird beim Betrachten freigesetzt“, anstatt in Farbe „übersetzt“, wie in den gegenständlichen Arbeiten. Das parallele Arbeiten ist eine Methode, die es mir ermöglicht, mich mit dem Sehen an sich auseinanderzusetzen, indem ich Beobachtungen von Licht und Farbe in der Natur in den abstrakten Malprozess integriere und wiederum die emotionale Wirkung von Form und Farbe ins Figurative übertrage.

Unter den vielen Künstlern, die mich im Lauf der Jahre inspirierten, möchte ich vor allem die britische Malerin Bridget Riley erwähnen. In dem Essay „Seurat als Mentor“ von 2007 schrieb sie über Georges Seurats Einfluss auf ihre Entwicklung als Malerin:

„Er wollte die Wahrnehmung von Farbe in der Natur wiedergeben, indem er sie isolierte und ihre Bestandteile wieder zusammensetzte. Ich dagegen wollte die aktive Rolle der Farbe in der Wahrnehmung unmittelbar auf der Leinwand freisetzen und gestalten.“

Seurat hinterfragte bisherige Sehgewohnheiten, indem er ein Objekt nicht mehr in seiner charakteristischen Form, seinem Umriss und seiner Körperlichkeit erfasste, sondern das Licht, worin ein Gegenstand oder eine Landschaft erscheint, in die ungebrochenen Farben des Sonnenspektrums aufspaltete und als Punkte auf die Leinwand setzte. Riley ging den umgekehrten Weg, indem sie die Empfindung einer visuellen oder seelischen Erfahrung in ihre Bestandteile zerlegte, um sie auf der Bildfläche wieder zusammenzusetzen und somit unsere Augen vor eine neue Herausforderung stellte.

In meiner künstlerischen Arbeit ist das bindende Glied zwischen Abstraktem und Figurativem die Zeichnung. Der Abstraktionsprozess des Zeichnens – das „Übersetzen“ von Gestalt und Raum, von Licht und Schatten in Linien und Flächen – bildet eine Schnittstelle, an der sich die Wahrnehmung der Natur mit Studien zur Wahrnehmung überlagern und ineinander verschmelzen. Sowohl im Gegenständlichen als auch im Abstrakten ist das Aufspalten einer Komposition in Farbfelder, Linien und Flächen eine Methode, die es ermöglicht, dass Farbe eine ganz eigenständige Wirkung entfalten kann. Beim Malen nach der Natur steht die Farbe in einem direkten Verhältnis zur Lichtsituation, während in abstrakten Kompositionen Farbe und Form zueinander in Beziehung stehen. 

Die Auseinandersetzung mit der Wahrnehmung von Kontrast, Rhythmus und Farbtemperaturen bietet mir eine Sprache, die keiner Worte bedarf, um Empfindungen auf Papier und Leinwand auszudrücken.

© 2026     Veronika Oberlojer 

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